Mit den Parachicos in Chiapas tanzen

Hinter uns liegt eine knapp 14-stündige Autofahrt. Mexikaner schlafen nicht. Kleine Taco-Pause an einer renovierungsbedürftigen Bretterbude am Wegesrand, kurz austreten, weiter geht es! „Gibt es Karneval in Deutschland?“ fragt mich mein mexikanischer Kollege. Ich bejahe mit dem Hinweis, dass ich aus dem Norden komme und ich zum Karneval passe wie Schlagsahne auf seinen Taco. „Hombre, du wirst es lieben, die Leute sind verrückt, mexikanisch halt“, erwidert er. Ich lasse mich überraschen…

Ich bin Teil eines mexikanischen Fernsehteams, dessen Absicht es ist, den Karneval im südöstlichen Mexiko, dem Bundesstaat Chiapas, zu filmen. Übermüdet kommen wir in Chiapa de Corzo an, wo jährlich vom 18. bis zum 22. Januar eine ganz besondere, traditionelle und religiöse Art von Karneval gefeiert wird – das Fest der Parachicos!
Ich wundere mich. Hier in Chiapa de Corzo soll also die nächsten Tage die Luft brennen. Bislang ist noch nicht viel davon zu sehen in dem 60.000 Einwohner kleinen Örtchen. Na gut, die ersten Buden des Jahrmarktes werden zusammengenagelt, ansonsten Stille und Gemütlichkeit. Mittlerweile habe ich ja gelernt: Mexikaner bauen dir eine Rakete zum Mars, aber lass ihnen etwas Zeit, das wird schon irgendwann.
Es ist schon dunkel als ich die fehlenden Stunden Schlaf im Hotel nachgeholt habe, 21 Uhr vielleicht. Meine Kollegen warten schon ungeduldig in der Lobby auf mich. Ich bin wohl mittlerweile mexikanischer als sie.
Ich kann meinen Augen kaum trauen. Auf dem mittlerweile fertig errichteten Jahrmarkt tobt das pralle Leben: Fahrgeschäfte, ein Verkäufer der religiöse Devotionalien feil bietet, Micheladas und gebratenes Hühnchen. Oder der Verkäufer, der seine äußerst gewöhnungsbedürftigen Motivdecken mantragleich unters Volk bringen will – es sind die Farben, die Geräusche und Gerüche, die mich sofort in den Bann ziehen.



„Venga, Nico“, ruft mein Chef und reißt mich aus diesem Mikrokosmos mexikanischer Verrücktheit. Ich folge. Und sehe…noch verrücktere Menschen! Knappe 100 in traditionellen Frauenkleidern gehüllte Mexikaner kommen tanzend und singend um die Straßenecke gebogen – die „Chuntaes“. Wer bis hierher glaubte, der Machismo ist in Mexiko zu Hause, muss sich eines Besseren belehren lassen. Hübsch herausgeputzt und geschminkt ziehen sie durch die Straßen und fallen kurz in dieses oder jenes Haus ein, tanzen im Kreis und verlassen den verdutzten Hausbesitzer so schnell wie sie gekommen sind. Die „Chuntaes“ sind jedoch nur ein Vorbote auf das eigentliche Ereignis der nächsten Tage.

Am darauffolgenden Morgen ist frühes Aufstehen angesagt. Die Sonne scheint und es ist noch etwas kühl. Es ist wieder ruhig geworden in Chiapa de Corzo. Die Ruhe vor dem Sturm? Ich lasse mich überraschen!
Wir gehen mit der kompletten Filmausrüstung durch die leergefegten Straßen, nur die Müllmänner sind wohl früher aufgestanden als wir. Ich frage mich schon die ganze Zeit, was wir hier in dieser Herrgottsfrühe machen, meine Kollegen sind genauso ratlos, mein Chef ist ein notorischer Geheimniskrämer!
Nach einem 10-minütigen Fußmarsch erreichen wir ein Haus, wo bereits reges Treiben herrscht. Hier haben sich einige Herrschaften angefunden, um sich für den heutigen Tag, dem Fest der Parachicos, vorzubereiten. Man hat sich hier zum Verkleiden getroffen und das dauert seine Zeit. Denn zu diesem Mummenschanz gehören eine aus Holz geschnitzte und fein lackierte Maske, die die spanischen Inquisitoren symbolisieren, ein bunter Umhang, viele Seidentücher, ein überdimensionaler Hut, der aus den Fasern der Agave hergestellt wird und das Lieblingsspielzeug der Parachicos: eine große und laute Rassel.

Nach etwa zwei Stunden sitzt die Maskerade wie angegossen. Wir verlassen das Haus und gehen wieder Richtung Zentrum. Und da: Aus allen Ecken strömen die ersten verkleideten Grüppchen von Parachicos Richtung Kirche. Dort angekommen füllt sich der Vorplatz des Gotteshauses von Minute zu Minute – aus hunderten werden tausende. Wenn wir uns jetzt nicht ein Plätzchen zum Filmen suchen, werden wir von der Menschenmenge verschluckt und wahrscheinlich erst am Ende des Tages ausgespuckt wie ein ausgetrocknetes Kaugummi

Wir sichern uns einen Platz auf dem Dach eines angrenzenden Restaurants, gerade noch rechtzeitig. Denn jetzt setzt sich der feiernde Mob in Bewegung. Das Ziel: Ein kleines, unscheinbares Gebäude in dem die Statue des Heiligen Sebastians auf die Ankunft der Parachicos wartet. Aus der Höhe betrachtet gleicht der Umzug einem unkontrollierten Ameisenhaufen. Ein Schieben und Drängen, ein Rasseln und Singen, ein Johlen und Feixen. Wem hier als Fremder nicht die Kinnlade runterklappt, der ist eindeutig Fehl am Platze.

Mittlerweile hat sich die Luft auf knapp 30° Celsius aufgeheizt, mein T-Shirt klebt an mir wie eine zweite Hautschicht, als mein Chef die geniale Idee hat, dass es an der Zeit wäre sich in das Getümmel zu stürzen, um direkt aus dem lodernden Kessel der Parachicos Aufnahmen zu machen. Tolle Idee! Also Kamera und Stativ geschultert und rein ins Vergnügen. Apropos Hitze: Wie es die Feiernden schaffen bei diesen Temperaturen und der klobigen Verkleidung rastlos zu tanzen, bleibt mir ein Rätsel. Möglicherweise soll der ein oder andere Tequila müde Füße wieder munter machen… So geht es den ganzen Tag weiter bis die Sonne untergeht und erst dann kehrt so langsam Ruhe ein. Dass ich bis 5 Uhr morgens noch Salsa tanzend auf dem Jahrmarkt gesehen wurde, entzieht sich meiner Kenntnis…

Während meine Kollegen am Abschlussabend der inszenierten Seeschlacht im Cañon del Sumidero beiwohnten, lies ich mich im Auto von einem freundlichen Polizisten auf dem Rücksitz zurück ins Hotel lotsen…Ich hatte mich verfahren! Bei einem kühlen Bier an der Hotelbar konnte ich mir nur ausmalen, wie die gewaltige Schlucht den perfekten Rahmen für die, von viel Pyrotechnik untermalte Schlacht bildete.
Fazit: Wer die Lust verspürt mal eine ganz andere Art von Karneval zu besuchen, abseits von Kamelle werfenden Jecken oder touristisch überlaufenen Sambaumzügen in Rio, der ist hier in Chiapas goldrichtig. Ein absoluter Geheimtipp! Auch für Karnevalsmuffel wie ich es einer bin…